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Lesenswert: Werkplanung und Steinbearbeitung im Mittelalter

Werkplanung und Steinbearbeitung im Mittel­alter – Grundlagen der handwerklichen Arbeitstechnik im mittleren Europa von 1000 bis 1500
Das Buch "Werkplanung und Steinbearbeitung im Mittel­alter – Grundlagen der handwerklichen Arbeitstechnik im mittleren Europa von 1000 bis 1500" ist im Ebner Verlag, Ulm, neu erschienen.

Das Buch "Werkplanung und Steinbearbeitung im Mittel­alter – Grundlagen der handwerklichen Arbeitstechnik im mittleren Europa von 1000 bis 1500" von Peter Völkle ist ein großer Gewinn für das Steinmetzgewerk. Es ist ein wunderbares Buch eines Autors, der sich über zehn Jahre mit dieser Thematik beschäftigt hat. Völkles Veröffentlichung ist nicht nur sehr umfangreich, sondern er hat sie mit fast ausschließlich farblichen Abbildungen bereichert. Seine Erklärungen sind leicht nachvollziehbar, die Lesbarkeit seiner Texte ist vorbildlich. Seine Veröffentlichung löst alles ab, was zuvor über dieses Thema geschrieben wurde: Sie ist das neue Standardwerk.

I. Abschnitt: Die mittelalter­liche Werkplanung
Dass die Errichtung steinerner Bauwerke im Mittelalter planerische Vorarbeiten erforderte, war bislang nicht umfassend belegt. Völkle weist unter Heranziehung zahlreicher Belege nach – und das ist eine große Leistung–, dass es eine Werkplanung im Mittelalter gegeben haben muss. Der Autor liefert eine Übersicht von historisch verwendeten Werkzeugen zum Zeichnen, die der Herstellung von Rissen auf Pergament dienten. Die Umsetzung historischer Pläne und Zeichnungen im Maßstab von 1:1 erfolgte mit ähnlichen Zeichenwerkzeugen, die vergrößert wurden. Beispielsweise benutzte man für große Radien größere Zirkel, und wo diese nicht ausreichten, Stangenzirkel oder Schnüre. Die ursprünglichen Zeichnungen wurden auf vertikalen oder horizontalen Reißböden im Maßstab 1:1 übertragen. Denn daraus konnten die entsprechenden Schablonen hergestellt werden, mit denen die Steinmetze Werkstücke arbeiten konnten.

II. Abschnitt: Die mittelalter­liche Steinbearbeitung
Hier stellt der Autor zunächst den aktuellen Forschungsstand der mittelalterlichen Steinbearbeitung kurz vor. Anschließend geht er auf die Abbaumethoden in den mittelalterlichen Steinbrüchen ein. Für seine überaus umfangreichen und detaillierten Abhandlungen über die verwendeten historischen Steinbearbeitungswerkzeuge ist ihm überaus zu danken.

In der Analyse der technischen Grundlagen der Steinbearbeitung übernimmt Völkle die Systematik von Karl Friedrich, einem Ulmer Münsterbaumeis­ter, der im Jahr 1932 ein Buch darüber veröffentlicht hat. Der Autor knüpft elegant daran an, löst aber dieses bislang anerkannte Standardwerk durch seine qualifizierte Arbeit ab. Denn Völkle ist erfreulich genauer. Er erweitert die Inhalte nicht nur erheblich und zeigt darüber hinaus in zahlreichen Abbildungen die zu­grun­de liegende handwerkliche Herstellungstechnik. Durch seine schriftlichen Darlegungen wird es auch möglich, Oberflächenspuren nicht nur zu erkennen, sondern auch Werkzeuge nachzubilden, die entsprechende Spuren hinterlassen haben. Das ist von großem Wert für die Praxis.
Dass auch im Mittelalter beschädigte Steine geklebt wurden, ist eine neue Erkenntnis wie auch der Einsatz von Bohrern für die Werksteinarbeit.

Um seine Überlegungen zur gotischen Zeichenpraxis konkret vorstellbar werden zu lassen, konstruiert und zeichnet Völkle am Ende des II. Abschnitts einen gotischen Baldachin in allen für die handwerkliche Fertigung wichtigen Details – ein exzellentes Lehrbeispiel für die Herstellung eines komplizierten steinernen Werkstücks. Vereinfacht könnte man sagen: Während Friedrich zeigte "wie es aussieht", zeigt Völkle viel mehr Informationen und vor allem, "wie es gemacht wurde oder gemacht werden kann". Dieser Abschnitt ist zweifellos der stärkste Teil des Buches.

Schlussbemerkung
Völkle schließt mit diesem Buch große Wissenslücken – dies sowohl in der historischen Forschung als auch in der angewandten handwerklichen Steinrestaurierung. Das Druck­werk ist ein überaus wertvoller Erkenntnisgewinn für alle Steinmetzen, die in der Denkmalpflege tätig sind, alle ehrenamtlichen und amtlichen Denkmalpfleger, Historiker, Meister, Gesellen und Lehrlinge mit Leidenschaft für ihren Steinmetzberuf, Berufs- und Meisterschüler, Teilnehmer an Ausbildungslehrgängen für Steinrestaurierung, Lehrwerkmeister, Fachlehrer für Werkunterricht und auch für alle interessierten Laien.

Das Buch ist hier im Naturstein-Webshop erhältlich!

Reiner Flassig, Dipl.-Volkswirt und Steinmetz- und Steinbildhauermeister

(Erschienen am 22.09.2016) 

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