Anzeige

Knickbildwesen in 3D

Von links Alex Klimesch, Marie Boos, Howard Schwämmle, Stefan Reiser, Bürgermeister Chistian Walter, Landrat Roland Bernard, Claudia Dietz, Gernot Zechling, Thomas Dittus und Karsten Woywodt (Fotos: Bärbel Holländer)
Von unten stammen die Teile von Karsten Woywodt, Thomas Dittus, Gernot Zechling und Claudia Dietz.
Von oben stammen die Teile von Howard Schwämmle, Alex Klimesch (Pate stand Karsten Woywodt), Marie Boos und Stefan Reiser.
Die Spannung war groß.
Gernot Zechling
Marie Boos
Rückseite des Stücks von Marie Boos (Foto: Marie Boos)
Links Blindenschrift, rechts die Übersetzung
Ein Knickbildwesen im Aufbau (Foto: Karsten Woywodt)

Acht Bildhauer und Steinmetzen haben im Sommer in ihren Ateliers je ein 2 t schweres Werkstück aus MAULBRONNER SANDSTEIN bearbeitet. Ganz individuell schufen sie gemäß Auslosung je einen Körperteil für eines der beiden »Knickbildwesen«, die seit dem 25. August den Radweg »Sculptoura« zieren. Die vielfältigen Figuren verkörpern »Diversitas«, also die Vielfalt der Geschlechter, Kulturen und Talente.

Feierlich enthüllt wurden die Wunderwesen am 25. August. Die beteiligten Bildhauer und Steinmetzen trafen sich bei Gernot Zechling und fuhren nach einer Ansage von Siegfried Zenger mit dem Fahrrad zum Ort der Aufstellung zwischen Weil der Stadt und Schafhausen. Die versammelten Honoratioren und Schaulustigen zeigten sich begeistert. »Eine tolle Idee und ein erneut herausragendes Projekt auf der Sculptoura«, lobte der Böblinger Landrat Roland Bernhard. »Passender kann man die Idee von Diversität in einem Kunstprojekt kaum darstellen.« Die »alten Steine in ihrer neuen Interpretation« faszinieren auch Weil der Stadts Bürgermeister Christian Walter, der den Bildhauern herzlich dankte. Die Stadt und ihr Bauhof hatten sich mit dem Legen der Bodenplatten an dem Projekt beteiligt. Gernot Zechling dankte dem Landkreis und der Stadt im Namen aller beteiligten Kolleginnen und Kollegen. Wie vielfältig die dreidimensionalen Knickbildwesen ausgefallen sind, habe ihn selbst überrascht. Dennoch haben die Figuren Charakter, findet die Naturstein-Redaktion, die an der Eröffnung teilgenommen hat und sich an dieser Stelle herzlich für die Einladung und die zur Verfügung gestellten Fahrräder bedankt.

Arbeit ohne Absprache
Die Idee, aus Naturstein dreidimensionale Knickbildwesen zu verwirklichen, stammt von Gernot Zechling, Steinmetzmeister in Weil der Stadt. Wie die meisten Kinder hat er seinerzeit das Knickbild-Spiel zweidimensional auf Papier gespielt. »Kennt doch jeder noch. Macht auch heute noch Spaß! Ok, dann lasst uns das mal in der dritten Dimension spielen!«, nahm er sich vor. Eigentlich hatte er als Mitspieler seine Frau Alex Klimesch und die gemeinsamen vier Kinder im Sinn. Aber dann bot sich im Rahmen des Kunst-Radwegs »Sculptoura« die Umsetzung mit Kollegen an.
Je ein Werkstück bearbeiteten Marie Boos aus Tübingen, Claudia Dietz aus Eberdingen, Alexandra Klimesch aus Weil der Stadt, Gernot Zechling aus Weil der Stadt, Stefan Reiser aus Bad Teinach, Thomas Dittus aus Herrenberg, Howard Schwämmle aus Magstadt und Karsten Woywodt aus Calw. Die jeweiligen Körperteile – Haupt, Oberkörper, Unterleib, Beine/Füße – hatte man den teilnehmenden Bildhauern und Steinmetzen bewusst zugelost. Jede und jeder arbeitete coronakonform daheim. Absprachen über Stil, Inhalte oder Konzeption waren verboten. Einblicke in die Arbeit der anderen waren tabu. So war am Schluss die Spannung groß. Arbeitszeit war von Juni bis August. Mitte August wurden die fertigen Teilstücke am vorbereiteten Standort zu zwei monumentalen Figuren zusammengefügt.

16 t Sandstein aus Maulbronn
Zuvor hatte der Landkreis das Material besorgt. Der bei der Firma Lauster Steinbau erworbene Block aus MAULBRONNER SANDSTEIN wog 16 t. »Wir haben ihn einmal längs in zwei 8 t schwere Blöcke zersägen lassen, die wiederum in je vier 2 t schwere Werkstücke zerteilt wurden«, so Gernot Zechling. Die acht Steinrohlinge reckten sich bei der Erstpräsentation in zwei Vierer-Türmen neben dem Radweg in den Himmel und wurden von dort in die jeweiligen Ateliers transportiert. Dort folgten die Bildhauer und Steinmetzen der Vorgabe, die bruchraue Vorderseite als plastisches Relief zu bearbeiten. Die anderen Seiten und Flächen des ursprünglichen Rohblocks sollten nach der Bearbeitung noch zu erkennen sein.

Der vom Landkreis Böblingen initiierte Kunst-Radweg erstreckt sich zwischen Schafhausen und Weil der Stadt. Die entlang der Wegstrecke platzierten Skulpturen und Objekte sind Blickfänge für Radfahrer und Spaziergänger. Die bisher von 60 Künstlern geschaffenen 80 Arbeiten der »Sculptoura«-Schau haben den Landkreis Böblingen über die Landesgrenzen hinaus als Kulturstandort bekannt gemacht. Die Tour zählt zu den bekanntesten im Land und hat bereits Nachahmer gefunden. Deshalb wird sie dauernd erweitert. Zuletzt geschah das kurz vor Weil der Stadt. »Weil einzelne Leihgaben abgebaut worden waren, wollten wir nach der Corona-Pause in neue Werke investieren«, berichtet Siegfried Zenger, Leiter der Stabstelle Regionalentwicklung und Tourismus im Landratsamt Böblingen, der schon einige »Sculptoura«-Symposien geplant und vorbereitet hat. Ob sie nicht eine Idee hätten, fragte er ehemalige Symposiumsteilnehmer. Hier brachte Gernot Zechling »Knickbildwesen« ins Spiel. Er schlug vor, vier Kollegen aus einem Viertel eines großen Blocks je einen Körperteil einer Figur gestalten zu lassen.
Die Idee ist das eine, die Ausarbeitung eines Konzepts und die Organisation das andere. »Diesen Part hat zum Glück der mit uns befreundete Steinmetzgeselle Karsten Woywodt übernommen«, freut sich Gernot Zechling. Das von Woywodt vorbereitete Konzept überzeugte schnell, wobei sich der Landkreis letztlich für zwei Figuren und acht Bildhauer entschied.
Inspiriert vom »Internationalen Tag der Diversität« am 31. Mai, gaben die »Sculptoura«-Macher in Abstimmung mit den Bildhauern außerdem »Diversitas« als Thema vor. Unter diesem Motto stellten sie das Vorhaben am 31. Mai der Öffentlichkeit vor. »Diversitas – nach dem lateinischen Wort für Verschiedenheit – bezieht sich auf die Vielfalt der Kulturen und der Gesellschaft ebenso wie auf die Vielfalt der Geschlechter, der Talente und der Anschauungen«, erklärte der stellvertretende Landrat Martin Wuttke beim Pressetermin. Er wies darauf hin, wie wertvoll es ist, Unterschiede anzuerkennen und in ihrer Vielfalt als bereichernd zu erfahren. Der Landkreis verwende das Thema der Vielfalt nicht umsonst in seinem Slogan »Die Vielfalt macht’s«.

Bärbel Holländer

01.09.2022

 

Zurück