Werkplanung und Steinbearbeitung im Mittelalter

Bild: Ebner Verlag

Das Buch "Werkplanung und Steinbearbeitung im Mittelalter" von Peter Völkle befriedigt die Ansprüche, die ein interessierter Steinmetz/Steinbildhauer an eine solche, sein Handwerk betreffende Publikation stellt, auf umfassende Art und Weise. Detailliert und klar verständlich folgt Völkle auf 178 Seiten dem Weg des Werksteins im Mittelalter – vom Steinbruch bis zu dessen Platz in einem der großen Sakralbauten, die in der Blütezeit der Bauhütten entstanden.

Der Autor geht auf alle relevanten Aspekte ein und greift dabei auf die unterschiedlichsten Quellen zurück. So betrachtet er beispielsweise die alten Buchillustrationen mit Bezug zum mittelalterlichen Baubetrieb eingehend. Völkle überzeugt dabei, anders als rein wissenschaftliche Autoren, durch den fachkundigen Detailblick des Praktikers, der die Bilder aus dem Blickwinkel eines handwerklich Kundigen begutachtet, erläutert und in den fachlich richtigen Kontext setzt. Daurch gelingt es, die Aufmerksamkeit des Lesers auf sonst unbeachtete, aber interessante Details wie z.B. die Bänkepositionen einzelner Werkstücke, zu lenken.

Mittelalterliche Maßangaben
Eine weitere Quelle stellen die wenigen erhaltenen Entwurfszeichnungen der mittelalterlichen Bauplaner dar, die der Verfasser hauptsächlich zur Herleitung der einführenden Abschnitte zur allgemeinen Konstruktion und Planung mittelalterlicher Bauwerke benutzt. Auch hier versteht es Völkle hervorragend, weitere verfügbare Quellen zu Rate zu ziehen. So erfasst er mittelalterliche Maßangaben und setzt sie zueinander ins Verhältnis. Da­rüber hinaus spürt er der zum Teil stiefmütterlich behandelten Fragestellung nach der Vereinheitlichung von Maßen am Bauwerk zur Vereinfachung der Arbeitsprozesse für die am Bau beschäftigten Werkleute nach.

Und dann ist da noch der Stein selbst, jener unbestechliche Zeitzeuge, der als fundierte Quelle viel zu oft außer acht gelassen wurde. Völkle beobachtet mit kriminalistischer Akribie die Oberfläche des Steins. Er weist eine Vielzahl von Bearbeitungsmöglichkeiten nach, darunter fast vergessene wie die sogenannten Tremolierung, bei der die Oberfläche mit einem Hohleisen zickzack­förmig gesteltzt wird. Der Autor spürt also den Werkzeugspuren nach und schließt daraus u.a. auf die Arbeitsposition des Steinmetzen, die verwendeten Werkzeuge und auch Konstruktionshilfen. An diesem Punkt zeigt sich der Verfasser abermals als Fachmann, der weiß wovon er spricht: Viele Hilfsmittel und Handwerkzeuge der mittelalterlichen Werkmeis­ter hat Völkle selbst nachgebaut und erprobt. Von diesem Tun handelt das letzte Kapitel des Buchs, in dem er beschreibt, wie er einen spätgotischen Baldachin Schritt für Schritt mit den rekonstruierten Gerätschaften konstruiert und selbst ausführt.

Experimentelle Archäologie
Eben diese "experimentelle Archäologie", der wir bereits in dem vorangehenden Abschnitt über die mittelalterliche Steingewinnung im Bruch begegnen, fördert die Lesbarkeit dieses Fachbuchs. Darüber hinaus ist sie das logische Bindeglied zwischen Theorie und Praxis in einem Handwerk, das trotz aller technischen Neuerungen auch heute noch einen wesentlichen Teil der damals verwendeten Werkzeuge nutzt. Abschließend sei positiv er­wähnt, dass Peter Völkle in seinem Werk nur am Rande auf die Steinmetz­zeichen eingeht. Zu oft schon wurden selbige als interessanter erachtet als das eigentliche Produkt des  Metzen: das fertige Werkstück.

Dieses Buch richtet sich also gleichermaßen an den Fachmann als auch an den interessierten Laien. Dabei punktet es enorm mit dem Aspekt des experimentellen Erfahrens und liefert darüber hinaus auch einige Anreize, das eigene Arbeiten in der Werkstatt, z.B. im Hinblick auf die Gestaltung von Oberflächen, neu zu überdenken.

Werkplanung und Steinbearbeitung im Mittelalter, Grundlagen der handwerklichen Arbeitstechniken im mittleren Europa von 1000 bis 1500; Peter Völkle; Ebner Verlag, Ulm; 1. Auflage 2016; Hardcover, 180 Seiten, DIN A4, 78 €, ISBN 978-3-87188-258-6; hier bestellen.

(18.9.2017)

Autor/in: Gerrit Arndt