Rückblick auf 40 Jahre Meistertitel

Blick auf die Meisterschule Aschaffenburg, Foto: Susanne Storath

Genau zum 400. Jahrestag der Grundsteinlegung des Aschaffenburger Schlosses feierte die Meisterschulklasse von 1974 ihr 40-jähriges Jubiläum - Zufall oder Fügung? Hier ein Rück- und Ausblick von Werner Paetzke:

1974 – waren das noch andere Zeiten? Im Prinzip hat sich nichts geändert. Der Steinmetzberuf gehört nach wie vor zu den angesehensten Handwerksberufen und hat Zukunft. 1974 begannen wir die Meister- und Technikerausbildung in Aschaffenburg. Natürlich mit dem jugendlichen Vorsatz, die Welt zu verändern und in unserem Beruf große Dinge zu erreichen. Angeregt durch Persönlichkeiten, die uns mit gutem Beispiel vorangingen, hatte wir große Ideale.

Beflügelt durch neue Bearbeitungsmethoden und Schriften
Die Veränderungen in der darstellenden Kunst nach dem Zweiten Weltkrieg mit neuen Steinbearbeitungsmethoden und Schriften sowie einem neuen künstlerischen Ausdruck beflügelten uns. Die Meisterschule war für uns die optimale Voraussetzung, um diese hehren Ziele erreichen zu können. Sie ermöglichte sowohl Fortbildung im handwerklich-technischen als auch im künstlerischen Bereich.

Mitarbeit am Aschaffenburger Schloss
Der größte Vorteil der damaligen Aschaffenburger Meisterschule war, dass wir uns am Wiederaufbau des Schlosses beteiligen durften. Die damaligen Lehrer zeichneten sich größtenteils durch große Praxisnähe und Berufserfahrung als Bildhauer und Steintechniker aus. Motiviert waren wir fast alle, da wir Meistersöhne waren oder vor einer Betriebsübernahme standen, also den Sprung in die Selbstständigkeit wagen wollten. Die Ausbildung zum Meister und Techniker förderte damals der Staat – und das nicht zu knapp.

Unterricht im Aschaffenburger Schloss
Der Unterricht fand noch im Südwestturm des Aschaffenburger Schlosses mit Blick auf die Mainschleife statt. Wir hatten stets das großartige Renais­sance­schloss aus leuchtendem rotem Mainsandstein vor Augen. Die Renaissance vereint in wunderbarer Weise die klassischen Baustile der Griechen und Rö­mer mit neuen Stilelementen des 17. Jahrhunderts. Der Re­naissancebaustil bietet Steinmetzen einen wahren Fundus an komplizierten Werkstücken und Bauformen, an denen sie sich verwirklichen können.

Rekonstruktion des nördlichen Innenhofgiebels
Wir durften an der Rekonstruktion des nördlichen Innenhofgiebels mitarbeiten. Unser Praxislehrer Florian Geyer teilte uns Werkstücke zu. Florian Geyer sah den Schülern an der Nase an, welchen Schwierigkeitsgrad sie am Stein bewältigen konnten und verteilte die Aufgaben entsprechend. Dass die gefertigten Werkstücke von der Stadt Aschaffenburg zu angemessenen Preisen angekauft wurden, war ein angenehmer Nebeneffekt. Heute kann fast jeder Steinmetzmeister, der damals die Schule besucht hat, voll Stolz auf ein Werkstück am Schloss verweisen, dass er mit eigenen Händen geschaffen und eingebaut hat.

Freundschaften und Berufsbeziehungen
Die Zeit an der Meisterschule brachte Freundschaften und Berufsbeziehungen fürs Leben! Die Schüler und Lehrer kamen aus den unterschiedlichsten Regionen Deutschlands, was zur Folge hatte, dass man nicht nur die Erkenntnis gewann, dass in Deutschland verschiedene Bier­sorten gebraut werden. Die Kollegen brachten sich auch gegenseitig die regional spezifischen Natursteinvorkommen und deren Verarbeitung näher. Noch heute, nach 40 Jahren ist es ein Leichtes, zum Telefon zu greifen und einen alten Kollegen von der Meisterschule zu Fachfragen um Rat zu bitten.

Lehrer Florian Geyer als Schlüsselfigur
Während der Schulzeit kristallisierte sich bei den meisten die spätere Berufsausrichtung sehr schnell heraus. Künstlerische und rein technische Begabungen entwickelten sich nebeneinander, wobei wir uns gegenseitig befruchteten. Unser Lehrer Florian Geyer aus Flomborn bei Alzey war hier eine Schlüsselfigur. Er lebte uns Schülern ganzheitliches Denken vor – vom rein technischen, praktischen Arbeiten bis hin zur künstlerischen Betrachtung –, was sich alles in allem als höchst lebensprägend erwies.

Meisterprüfung als höchs­te Qualifikationsstufe
Das Thema Meisterprüfung ist heute aktueller denn je. In Zeiten der allgemeinen Aufweichung tradierter Vorgaben bezüglich der Selbstständigkeit und der damit verbundenen Meisterprüfungspflicht wird die Meisterprüfung nicht mehr nur als Vehikel zur Selbständigkeit gesehen. Endlich hat die Meisterprüfung wieder das Alleinstellungsmerkmal, dass sie in der Vergangenheit ausgezeichnet hat. Sie ist die höchste Qualifikationsstufe in einem Handwerksberuf und damit eine verlässliche Zukunftssicherung für den Qualifikanten. Nicht ohne Grund kenne ich keinen arbeitslosen Steinmetzmeis­ter!

Sich öffnen für Quereinsteiger
Für die Zukunft der Meisterschule, die zurzeit um jeden Schüler und um jede Schülerin kämpfen muss, kann man sich nur wünschen, dass die richtigen Weichen in Richtung Europa gestellt werden! Die Schule sollte sich öffnen für Quereinsteiger und Schülerinnen und Schüler, die sich in bestimmten Steinmetzdisziplinen fortbilden möchten. Der eine oder die andere dieser Quereinsteiger/innen würde sich sicher zur Meisterprüfung entschließen.

Besonderen Dank an Ulrike Ader
Die Stadt Aschaffenburg verdient für die Einrichtung und Förderung der Meisterschule größte Anerkennung. In seiner Festrede zum 400-jährigen Schlossjubiläum versprach Oberstadtdirektor Herzog, dass die Stadt am Standort der Meisterschule festhalten will, sicher auch, weil die Aschaffenburg von der Wechselbeziehung Schloss, Steinmetzen, Touristen und Kulturbetrieb profitiert.
Besonderen Dank verdient auch die Meisterschuldirektorin Ulrike Ader. Mit Herz und Hand leitet sie die Meisterschule wie ein Kapitän durch die Stromschnellen der Zeit.

(Erschienen am 21.08.2014)

Autor/in: Werner Paetzke