Mehr Raum für Individualität

Eckhard Paepke ist der neue GF der Landesinnung Mecklenburg-Vorpommern

Die Teilnehmer der Weiterbildungsveranstaltung in Prenzlau mit Referentin Sybille Trawinski und LIM Edwin Rumpel (letzte Reihe, 6.v.l.)

Zu ihrer jüngsten Weiterbildungsveranstaltung am 19. April lud die Landesinnung Mecklenburg-Vorpommern ihre Mitglieder ins brandenburgische Prenzlau ein. Die Veranstaltung war auch für Brandenburger Kollegen und Vertreter der anderen ostdeutschen Verbände offen. Landesinnungsmeister Edwin Rumpel wertete die Fachtagung als Beitrag zu "mehr nachbarschaftlicher Zusammenarbeit". Zugleich stellte er mit Eckhard Paepke aus Stralsund den neuen Geschäftsführer der Landesinnung Mecklenburg-Vorpommern vor. Im Anschluss an die Vorträge besuchten die Teilnehmer die Landesgartenschau Brandenburg, die noch bis zum 6. Oktober in Prenzlau stattfindet.

Mehr Bestattungen, aber wo?
Das Vortragsprogramm eröffnete Carsten Benke, Referent für Wirtschafts- und Umweltpolitik beim ZDH. Er thematisierte Handwerkspolitik im Spannungsfeld der Globalisierung und gab individuelle Tipps wie z.B. zu Förderregelungen.

Anschließend beleuchtete die designierte BIV-Geschäftsführerin Sybille Trawinski "Die Ent­wick­­lungen auf unseren Friedhöfen und Chancen für die Steinmetze". Durch die latent alternde Bevölkerung werde sich die Zahl der Bestattungen bis 2030 spürbar erhöhen. Gegen die klassische Grabkultur wirkten jedoch schwindende familiäre Bindungen, zunehmende Mobilität und abnehmende kirchliche Bindungen, so Trawinski. Positiv bewertet sie die Ergebnisse von  1971 und 2010 unter Hinterbliebenen durchgeführten Umfragen der Verbraucherinitiative Aeternitas. Die Frage, wie oft sie den Friedhof besuchen, um zum Grab ihrer Verstorbenen zu gehen, beantworteten heute wie damals 60 % mit "mehrmals im Jahr". Ob sich Menschen für einen Friedhof entscheiden, hänge in erster Linie davon ab, ob sie ihn in Bezug auf Zustand, Sicherheit und Funktion als Ort der Ruhe und Trauer positiv wahrnehmen. "Negativ reagieren Menschen dagegen auf schwankende oder undurchsichtige Friedhofsgebühren", sagte Trawinski.

Sich öffentlich stärker einbringen
Trotzdem wachse auch der Wunsch nach alternativen Bestattungsformen jenseits der Friedhöfe. Fast jeder Zehnte, der 2010 im Auftrag von Aeternitas befragt wurde, würde die Urne lieber im eigenen Garten bestatten. Und dass dies eines Tages möglich wird, weist Sybille Trawinski nicht von der Hand. In keinem deutschen Nachbarstaat gebe es heute noch einen vergleichbaren Friedhofszwang, und erste Bundesländer "schaffen gesetzliche Voraussetzungen, um ihn weiter aufzulockern." Bereits jetzt gebe es 41 Friedwälder mit 26 500 Bestattungen auf insgesamt 2124 ha Fläche sowie 49 Ruheforste in Deutschland. Um die geltenden Gesetze zu umgehen, so Trawinski, gebe es auch kriminelle Tricksereien – von wachsendem Krematoriumstourismus bis zu behördlichen Ausnahmegenehmigungen, um die Asche für angebliche Auslandsbestattungen mit heimnehmen zu dürfen.
Dennoch sieht sie Zukunftschancen für den Friedhof. Hierzu müsse er jedoch bezahlbar und gepflegt sein, mehr Raum für Individualität zulassen, gestalterisch eher an Landschaftsgärten mit Nischen, Trauerräumen, Wasser und Kunst erinnern, wohnortnah liegen, mehr Bürgerbeteiligung ermöglichen und verschiedene Bestattungsangebote offerieren. Zudem dürfte nicht auf zeitgemäße Aktionen, Beratung und Marketingarbeit verzichtet werden.

Den Steinmetzen legte sie ans Herz, auf Gartenschauen und zum Tag des Friedhofs mehr Flagge zu zeigen und sich auch sonst öffentlich stärker einzubringen – in Parteien, Parlamenten und Vereinen oder durch attraktive Firmenauftritte. Unverzichtbar sei daneben ein klarer Fokus auf individuelle Grabmale, handwerkliche Qualität, Preistransparenz und kompetente Beratung. Wo es möglich ist, sollten Steinmetze im Interesse der Friedhöfe in ihrem Terrain auch Kooperationen eingehen. Zudem ermunterte sie die Steinmetze, mit aktiver und zeitgemäßer Werbung "diesen schönen Beruf positiver zu verkaufen". Friedhofsgärtner oder Ga­Labauer täten dies seit Jahren mit gutem Erfolg – bis hin zur Nachwuchsgewinnung.

Aus- und Weiterbilden
In der folgenden Debatte verwies Nikolaus Seubert von der Innung Berlin auf die Ausstellung "Orte, die gut tun", die im Frühjahr 2011 in der Berliner Parochialkirche stattgefunden hat: Trotz viel Kraft, Geld und Aufwand sei sie letztlich "voll verpufft, also ohne messbaren Effekt geblieben". Den Grund dafür sieht er im "unheimlich hohen Trägheitspotential" vieler Kollegen, das sich auch in der schwindenden Ausbildungsbereitschaft äußere. Die Gärtner erlebe er diesbezüglich wesentlich agiler.

Steinmetzmeister Ömür Güldas aus dem brandenburgischen Oranienburg forderte deshalb die Kollegen dazu auf, "auch fremde Götter neben uns zulassen". Er selbst arbeite schon 15 Jahre so gut mit einem Friedhofsgärtner zusammen, dass er diesen heute als Freund bezeichnen würde. In den 20 Jahren, die er am Markt sei, habe er zudem 20 Lehrlinge ausgebildet, berichtete Güldas und kritisierte: "Wer heute noch ausbildet, gibt dem Nachwuchs oft nicht wirklich die Chance, sich beruflich zu beweisen." Die jungen Steinmetze müssten stattdessen sofort Umsatz bringen.

Sachsens Landesinnungsmeister Friedhold Scheunert hat beobachtet, dass gute Junggesellen die Lehre nur als Sprungbrett betrachten, um sich danach dorthin zu orientieren, wo sie bessere berufliche Perspektiven haben. Oft werde im Handwerk die passende Weiterbildung vernachlässigt, z.B., wenn ein guter Geselle Polier werden wolle. Die Betriebe sollten deshalb zumindest die winterlichen Spezialkurse besser nutzen, die von Handwerkskammern und Fördervereinen angeboten werden. Laut Horst Teuscher, Geschäftsführer der KH Cottbus/Spree-Neiße sowie des LIV Brandenburg, werden diese vom Arbeitsamt bis zu 80 % bezuschusst.
Harald Lachmann

(21.5.2013)