Orte gestalten, die gut tun
Begeisterte Resonanz fand die Sonderschau "Orte, die gut tun" in Halle 4 A. Das ehrgeizige Projekt konnte nur gestemmt werden, weil die ganze Branche zusammenhalf – eine Premiere! Ziel der Veranstaltung: Trauernden auf dem Friedhof die Orte bieten, die sie brauchen. 200 Friedhofsverwalter und Bürgermeister machten sich vor Ort mit dem Projekt vertraut.
Zuerst ist alles dunkel. Licht fällt nur auf Bilder und Texttafeln, vor denen Sofas stehen. Gerne nimmt man Platz – fern vom Messegeschehen. Räume zeigen die Bilder, darin Spuren von Menschen, persönliche Gegenstände in weichem Licht. Geblieben sind diese Spuren – denn die Menschen sind tot. Unter den Bildern Worte der hinterbliebenen Personen. "Dieses Jahr hätten wir goldene Hochzeit. Ich denke und lebe für zwei ..."
Dann tritt man wieder ins Licht. Der zweite Ausstellungsteil zeigt Grabfelder, darin die Grabstellen und Grabzeichen für die im ersten Ausstellungsteil vorgestellten Personen. Die Ausstellung soll erlebbar machen, dass Grabstätten gute Orte sein können, also Orte, an denen Trauernde Trost finden und Kraft schöpfen können. Dies wollen alle Beteiligten Kollegen sowie Friedhofsverwaltern und Bürgermeistern nahebringen. Friedhöfe, die Trauernden bieten, was sie brauchen, entfalten eine therapeutische Wirkung, sind sie überzeugt. Der dritte Teil der Sonderschau diente der Beratung.
Trauernde wollen Alternativen
Rund 200 Friedhofsverwalter und Bürgermeister folgten der Einladung zur Friedhofsverwaltungstagung, die am 22. Mai im Rahmen der Messe stattfand. Ca. 100 weitere Gäste und die Presse waren ebenfalls vertreten. Günter Czasny, stellv. GF der Firma Strassacker, fühlte sich in Anbetracht seines berühmten Nachredners, des Trend- und Zukunftsforschers Matthias Horx, "wie eine junge Rockband, die vor den Rolling Stones auftritt".
Czasny erläuterte Veränderungen in der Bestattungskultur und praxisorientierte Lösungsansätze. Seinen Vortrag untermauerten die Ergebnisse der von BIV, DNV und der Firma Strassacker in Auftrag gegebenen Studie "Trauer und Bestattungskultur in Deutschland aus der Sicht von Betroffenen", durchgeführt vom Mannheimer Marktforschungsinstitut markant. Deutschlandweit wurden 86 Personen befragt. Allen Befragten gemeinsam ist der Wunsch nach einem "Ort der Erinnerung", wo sie ihre Trauer in Form von Ritualen nach außen tragen können. Auf den meisten Friedhöfen sei zu wenig Raum dafür. Grabpflege wird als Pflicht und nicht als Möglichkeit erlebt, und man wünscht sich überschaubare und v.a. kalkulierbare Kosten. Aus Mangel an Alternativen entscheiden sich viele Trauernde für Bestattungsarten wie z.B. Urnenwände, die letztlich ihrem Trauerbedürfnis widersprechen, so ein Ergebnis der Studie. Die Folge sind verbotene Trauerhandlungen, die zu Auseinandersetzungen mit der Friedhofsverwaltung führen. Aus Unmut darüber ziehen sich viele Trauernde vom Friedhof zurück.
Als vorbildlich beurteilten die Befragten neue Friedhofskonzepte wie z.B. auf dem Geislinger Friedhof (Naturstein 11/2008, S. 18). "Hier wird der Einzigartigkeit der Verstorbenen Rechnung getragen. Trauerhandlungen sind möglich. Ruheplätze erleichtern den Kontakt mit anderen Trauernden", bewerteten die Umfrageteilnehmer das Konzept. Außerdem seien pflegarme Gräber integriert, die auf Wunsch bepflanzt werden könnten. Der Friedhof sei harmonisch in die Natur eingebettet und somit ein Wohlfühlort. Fazit: Man sollte sich allerorten darum bemühen, solche Konzepte in bestehende Friedhöfen einzubinden.
Individuelle Lösungen gefragt
Großes Interesse fand auch der Vortrag von Matthias Horx, Trend- und Zukunftsforscher sowie Gründer und Inhaber der Zukunftsinstitut GmbH mit Sitz in Kelkheim und Wien. Horx benannte vier sog. Megatrends: Frauen, Spiritualisierung, Individualisierung und Downaging. Megatrends wirken langfristig (mindestens 50 Jahre), haben Auswirkungen in alle Lebensbereiche, sind rückschlagsresistent und tendenziell global erkennbar. All diese Megatrends haben eine neue Trauerkultur zur Folge: den Wunsch nach "Eigen-Ritualen" der sich in den Bedürfnissen nach Wieder-Persönlichung, Erinnerungsverankerung und Denkmalen äußert. Horx ist überzeugt, dass sich v.a. der Trend zur Individualität auch in der Trauerkultur weiter ausbreiten wird und sieht darin die Zukunft des Friedhofs. Er bestätigte damit die Ergebnisse der Studie und das Konzept der Sonderschau.
Bei einer anschließenden Podiumsdiskussion, an der u.a. BIM Martin Schwieren, Günter Czasny, Matthias Horx und der AFD-Vorsitzende Matthäus Vogel teilnahmen, empfahl Vogel, den Friedhof als ganzheitliches Konzept zu betrachten, bei dem die verschiedenen Gewerke eng zusammenarbeiten und den Friedhof das ganze Jahr über lebendig gestalten. Zum Schluss gab’s ein großes Lob von Horx: "Ich habe selten ein so durchdachtes Konzept aus einer so kleinen Branche gesehen."
Bärbel Holländer, Susanne Storath











