Baustoff mit Zukunft

Welchen Beitrag vermag Natur­stein in der zeitgenössischen Architektur zu leisten? Und welchen zu einem ökologische­ren, nachhaltigem Bauen?
Mit diesen Fragen setzte sich während der Stone+tec 2009 das "ArchitekturForum Naturstein" auseinander. Anlass dazu bot die Verleihung des 14. Deutschen Naturstein-Preises.

Die Sitzplätze in der EventArena waren schon lange im Voraus belegt. Viele Zuhörer mussten sich daher mit Stehplätzen an den "Seitenlinien" begnügen, als DNV-Präsident Joachim Grüter zur Eröffnungsrede des ArchitekturForums ansetzte. Das wichtigs­te Ziel des Deutschen Natursteinpreises sei es, Architekten, Planer und Bauherren an die Vielfalt und Schönheit des Materials Naturstein heranzuführen. Der vom DNV gemeinsam mit dem Bund Deutscher Architekten und mit großzügiger Unterstützung der NürnbergMesse ausgelobte Preis stelle einen Baustoff in den Vordergrund, der sich hervorragend zur Gestaltung des öffentlichen Raums und von individuellen Objekten eigne. Auch in Bezug auf Nachhaltigkeit, Ökologie und Energieeffizienz sei Naturstein vorbildlich. So mache Naturstein dank seiner hervorragenden Wärmespeicherung beispielsweise eine energie- und kostenintensive künstliche Kühlung überflüssig.

Auch Michael Frielinghaus, Präsident des BDA und Vorsitzender der Wettbewerbsjury, stellte nebst gestalterischen Aspekten ökologische Überlegungen in den Vordergrund. Für eine lebenswerte Zukunft brauche es Baukonzepte, welche die Interessen von Ökonomie und Ökologie, von Mensch und Natur, wahren und in Einklang bringen. Diese Anforderung könne Naturstein erfüllen. Sowohl was die Nachhaltigkeit als auch was die Einfügung in ein gewachsenes Ortsbild betrifft, würden Natursteine aus der Region, aus dem eigenen Land, besonders gut abschneiden, betonte Frielinghaus. "Naturstein kennt keine Stilrichtungen, er ist immer aktuell; sein Einsatz in der Architektur will stets neu erfunden sein", sagte er. Der Deutsche Naturstein-Preis sei auch als Appell an Architekten und Bauherren zu sehen, immer wieder nach neuen Wegen in der Anwendung von Stein zu suchen. Der BDA erachte den Preis deshalb als wichtigen Beitrag zur deutschen Architekturkultur.

Preisverleihung
Den Höhepunkt der Veranstaltung bildete die Preisverleihung. Den Hauptpreis teilen sich die Büros kister scheithauer gross architekten (Berlin) für die Erweiterung und Sanierung des Stadtarchivs in Halle und Weinmiller Architekten (Köln) für den Neubau der L-Bank in Karlsruhe (Naturstein 5/2009, S. 54). Die beiden prämierten Objekte, so der BDA-Präsident in seiner Laudatio, »zeigen exemplarisch die große Bandbreite des Einsatzes von Naturstein – von der architektonischen Intervention im Bestehenden bis hin zu einem den Stadtraum prägenden Neubau«. Michael Großmann (Weinmiller Architekten) und Johannes Kistler (kister scheithauer gross) stellten ihre siegreichen Objekte vor. Bei der Bearbeitung des Projekts in Halle habe ihm der Umgang mit  Naturstein immer größere Freude bereitet und er habe dabei viel über diesen Baustoff gelernt, so Kister.

Gegen "Absurdes aus Stein"
Unter der Leitung von Wolfgang Bachmann, Chefredakteur der Architekturzeitschrift »Baumeister«, entwickelte sich anschließend eine lebhafte Diskussion über Chancen und Möglichkeiten des Bauens mit Naturstein im heutigen Architekturumfeld. Dabei vertraten die Teilnehmer teilweise unterschiedliche Positionen. So kann Michael Großmann den von vielen Architekten despektierlich als "Steintapeten" bezeichneten Naturstein-Plattenfassaden auch Positives abgewinnen: "Eine Plattenfassade ist eine Haut, und eine Haut hat wichtige Funktionen; die Plattenfassade ist daher eine legitime Konstruktionsweise", befand er.

Für Johannes Kister kommt es immer auf die Situation an; beide – Plattenfassade und monolithischere Konstruktionsweisen – hätten grundsätzlich ihre Berechtigung. Jan Kleihues vom Büro Kleihues+Kleihues, aber auch BDA-Präsident Michael Frielinghaus, stehen reinen Vorhangfassaden dagegen eher kritisch gegenüber und fordern zu diesem Thema eine vermehrte Diskussion zwischen Bauherren, Architekten und Steinfachleuten. Kleihues: "Mit Stein lässt sich heute eben leider auch viel Absurdes, dem Material nicht Angemessenes realisieren".

DNV-Geschäftsführer Reiner Krug gibt massiveren Konstruktionen grundsätzlich ebenfalls den Vorzug. Die heutigen hohen Anforderungen an eine Fassade,  etwa bezüglich Wärmedämmung, würden aber eben zu Recht oft auch für Plattenfassaden sprechen. Einen weiterer Schwerpunkt in der rund einstündigen Diskussion bildete die Frage der langen Transportwege beim Import von Natursteinen aus weit entfernten Ländern und damit zusammenhängend der vielfach geforderte vermehrte Einsatz von einheimischen Steinsorten. Laut Reiner Krug wäre Deutschland grundsätzlich auch heute noch in der Lage, etwa 90 % des gesamten Natursteinbedarfs aus eigenen Vorkommen zu decken. "Wenn es allein um den Preis geht, sind wir gegen­über Billigimporten nicht konkurrenzfähig", betonte er, "wohl aber wenn es um die Qualität und um die Nachhaltigkeit geht". Die Diskussion darüber wird zweifellos auch in den nächsten Jahren intensiv weitergeführt werden.
Robert Stadler

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