Erinnerungen an die Steinfachschule Saubsdorf

Das Schulgebäude vor dem Zweiten Weltkrieg
Das Schulgebäude vor dem Zweiten Weltkrieg
Josef Gesierich im Treppenhaus der ehemaligen Steinfachschule Saubsdorf
Josef Gesierich im Treppenhaus der ehemaligen Steinfachschule Saubsdorf
Hubert Kusche, langjähriger Dombauführer in Köln, war Absolvent der Schule. (Fotos: privat)
Hubert Kusche, langjähriger Dombauführer in Köln, war Absolvent der Schule. (Fotos: privat)

Josef Gesierich, Steinmetzmeis­ter und Sachverständiger für das Steinmetz- und Steinbildhauerhandwerk in Dortmund, erhielt letztes Jahr die Gelegenheit, seine ehemalige Ausbildungsstätte, die Staatsfachschule für Steinbearbeitung in Saubstorf, zu besuchen.
Die in Steinmetzkreisen als Marmorschule Saubsdorf be­kann­te Ausbildungsstätte war 1945 kurz vor dem Einmarsch der russischen Armee geschlossen worden. Gesierich gehörte zum letzten Jahrgang, der die Schule absolvierte. Heute dient das Gebäude in der tschechischen Stadt Supískovice als Ge­samt­schule für drei Ortschaften.

"Schlesisches Carrara"
In seiner Blütezeit wohnten in Saubsdorf 1700 Menschen. Damals war das Dorf aufgrund seiner Kalksteinvorkommen, dem sogenannten Saubsdorfer Marmor, von der Steinindustrie geprägt. Denn neben der Kalk­herstellung gewann die Werksteinproduktion immer mehr an Bedeutung. Saubsdorf wurde zum "schlesischen Carrara".
Zur Ausbildung von Fachkräften wurde 1886 die Staatsfachschule für Steinbearbeitung Saubsdorf gegründet. Vor dem Zweiten Weltkrieg existierten über 20 Industriebetriebe und Steinmetzwerkstätten in Saubsdorf. Nach 1945 zerfiel die Steinindustrie und die Fachschule wurde geschlossen. Heute leben in Supískovice nur noch rund 700 Einwohner.

Letzter Steinmetzbetrieb
Vom Besuch in Supískovice und dem Wiedersehen mit seiner Schule nach 65 Jahren berichtet Josef Gesierich: "Nicht mehr begrüßte uns die einstige Geräuschkulisse der Stahlsandgatter, das Geschlatter von Schleifmaschinen mit Treibriemenantrieb, die hellen Klänge von Spitzeisen und Hammerschlägen, die gedämpften Töne von Stockhämmern der einstigen Steinwerke, und auch die hohen Fabrikschornsteine waren nicht mehr da.

Von dem einzigen noch existierenden Steinbetrieb Becke wurden wir erwartet. Hier sollte ich mich wegen eines Gedenksteines umsehen, der Mitte 2010 anlässlich '50 Jahre Patenschaft Buchloe-Saubsdorf' vor dem Rathaus in Buchloe aufgestellt werden soll. Der relativ kleine Betrieb verfügt über computergesteuerte Kreissägen mit unterschiedlichen Blattdurchmessern. Als Hauptproduktion wurden Grabsteine und Kleinmosaik genannt.
Jedoch sah ich keine Grabmalausstellung, wie wir sie hier in Deutschland bei jedem Grab­steingeschäft vorfinden. Bei der Herstellung von Kleinmosaik werden mit kleinen Kreissägen Steinstangen im Querschnitt 6 x 6 cm ausgesägt und an­schließend 4 cm dicke Stücke abgespalten. Der Absatz dieses Kleinmosaiks soll sehr gut sein und auch in Deutschland in Fußgängerzonen Verwendung finden. Auch in Saubsdorf ist eine Bürgersteigstrecke damit ge­pflas­tert. Ein Besuch des einzigen noch in Betrieb befindlichen Marmor­steinbruchs war wegen des unterwartet frühen Wintereinbruchs mit 20 cm Schneehöhe nicht möglich.

Wiedersehen mit der Schule
Als ich mich als ehemaliger Absolvent der örtlichen Steinfachschule zu erkennen gab, wurde mir und meiner mich begleitenden Familie wider Erwarten die Besichtigung der Schule ermöglicht, wo wir von Bürgermeister Vlastimil Hoza freundlich begrüßt wurden. Wir durften nicht nur einen Blick in das mit heimischem Marmor gestaltete Treppenhaus werfen, sondern man zog sogar für uns große Schautafeln, die beiderseits mit Bildern von Arbeiten ehemaliger Fachschüler und Bildhauer bestückt waren, aus einem Magazinraum. Die Tafeln zeigten auch Fotos von Direktoren, Fachlehrern und Steinbrucharbeitern sowie Abbildungen von Steinfuhrwerken und dergleichen.

Für mich war es ein bewegendes Gefühl, nach 65 Jahren noch einmal am prunkvollen Treppenaufgang dieser ehemals über weite Grenzen hinweg bekannten sudetendeutschen Steinfachschule gestanden zu haben. Wenn auch alle Gespräche in der uns fremden tschechischen Sprache verliefen, war doch ein gegenseitiges Verstehen spürbar, und wir waren dankbar für die uns entgegengebrachte Freundlichkeit."

Erinnerung an Hubert Kusche
Erinnern möchte Josef Gesierich auch an die Absolventen der Fachschule, besonders an den im Februar 2009 verstorbenen Hubert Kusche. Er war 38 Jahre lang Dombauführer bei der Dombauverwaltung in Köln. Am 19. Oktober 1921 im oberschlesischen Groß-Kunzendorf geboren, wurde er aufgrund seiner guten schulischen Leistungen ohne Abitur und bereits mit 14 Jahren in die Saubsdorfer Fachschule aufgenommen. 1938 verließ er die Schule mit einem ausgezeichneten Examen und wurde bei der W. Thust KG (s. Naturstein 12/2009, S. 84) in Groß-Kunzendorf als 17-Jähriger für die technische und kalkulatorische Abwicklung der Aufträge im Zweigwerk Oberschreiberhau angestellt.

Ein Jahr später wechselte er zur renommierten Firma David und Schubert in Breslau. Nach Kriegsdienst und Gefangenschaft trat er 1947 in den Dienst der Dombauverwaltung Köln und leitete und überwachte während der schwierigen Wiederaufbauzeit das gesamte Bauwesen am Dom. Für seine Leistungen, darunter auch sein intensives Wirken für die Sicherheit der Mitarbeiter, wurden Hubert Kusche 1974 von Dompropst Dr. Carl Gielen eine Urkunde und der Stern des Ritterordens vom Hl. Sylvester überreicht.

Die Fachschule in Saubsdorf
Die Fachschule für Steinbearbeitung in Saubsdorf wurde am 15. Februar 1886 eröffnet. Der erste Jahrgang zählte ­13 Schüler. Unterrichtet wurde anfangs in einer Lehrwerkstatt in einem Privathaus und in Räumen der Volksschule. Im Jahr 1901 entstand ein Neubau mit Schulwerkstätten für den praktischen Unterricht. 1910 wurde die Schule verstaatlicht. Wegen der rasch aufblühenden Steinindus­trie wurde die Verarbeitung aller Gesteinsarten in die Lehrpläne aufgenommen. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde ein Vorbereitungskurs für die staatliche Steinmetzmeisterprüfung eingeführt. 1924 schaffte man die notwendigsten Steinbearbeitungsmaschinen an und vergrößerte  die Lehrwerkstätten. Im Schuljahr 1927/28 war der Lehrkörper auf acht Mitglieder angewachsen.

Mit der Elektrifizierung des Maschinenbetriebs wurden weitere moderne betriebstechnische Einrichtungen aufgestellt. Bis zu ihrer Schließung absolvierten über 1000 Schüler die Saubsdorfer Schule, die als erste staatliche Steinfachschule im deutschsprachigen Raum galt, und bis zur Besetzung des Sudetenlandes von drei Staaten (Österreich-Ungarn, Tschechoslowakei und Deutschland) getragen wurde. Der letzte Absolventenjahrgang 1944 zählte 28 Schüler. Die Schulleiter waren: Eduard Zelenka, Prof. Rudolf Jüttner, Paul Stadler und Rudolf Schönhofer.

(Erschienen am 28.04.2010)

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