Naturstein ist nachhaltiger als Glas

Natursteinfassaden sind nachhaltiger als Konstruktionen aus Glas. Das geht aus einer Studie hervor, die der DNV auf seiner Mitgliedsversammlung vorgestellt hat. Der Verband rechnet mit großen Chancen, die Akzeptanz für Naturstein zu steigern.

Ökologie und Nachhaltigkeit spielen eine immer wichtigere Rolle, auch im Baubereich. Dass Naturstein hier punkten kann, liegt auf der Hand: Das Material ist ein Naturprodukt, für dessen Herstellung keine aufwändigen Prozesse notwendig sind. Verwendet man regionale Materialien, entfallen zudem lange und energiefressende Transportwege. Leider fehlten bisher – anders als für andere Baustoffe wie Beton – verifizierbare Zahlen und Daten. Die Studie mit dem Titel "Ökobilanzstudie zu Fassadenvarianten in Glas oder Naturstein", die der DNV beim weltweit tätigen Beratungsunternehmen PE International aus Leinfelden-Echterdingen in Auftrag gegeben und auf seiner Mitgliederversammlung am 18. und 19. Juni vorgestellt hat, bestätigt die Vorteile von Naturstein erstmals schwarz auf weiß.

Verglichen wurden die ökologische Leistungsfähigkeit von Naturstein- und Glasfassaden. Das Ergebnis überrascht in seiner Deutlichkeit sogar Insider: So liegen die Umwelteinwirkungen einer gläsernen Gebäudehülle zwischen 60 und 360 % über denen einer Natursteinfassade. Über den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes fällt für eine Glasfassade gut das Dreifache an Primärenergie an. Laut DNV-GF Reiner Krug ergeben sich durch die Studie große Chancen, die Akzeptanz für das Material Naturstein zu steigern. Dementsprechend positiv waren die ersten Reaktionen bei der Präsentation der Studie. Nicht wenige DNV-Mitglieder sprachen von einem "Meilenstein" oder gar "Jahrhundertwerk".

OpernTurm als Anstoß
Anlässe für die Studie gab es mehrere. Wegen der hohen Energiekosten, die für die Kühlung von Glasbauten aufgewendet werden müssen, empfahl der Bayerische Rechnungshof bereits 2008, Glasfassaden nur noch in besonderes begründeten Fällen einzusetzen. Den endgültigen Anstoß für einen Vergleich der Ökobilanzen von Glas und Naturstein lieferte der Bau des 170m hohen Frankfurter OpernTurms – in Fachkreisen als das spektakulärste deutsche Bürohochhaus seit Jahren gefeiert (siehe Naturstein 5/2010, S. 26). Hier brach der Stararchitekt Christoph Mäckler mit der Tradition der Glastürme, die auch Frankfurts Stadtbild prägen, und bevorzugte eine Natursteinfassade. Das hat zur Folge, dass das Gebäude 23 % weniger Energie verbraucht, als die Energiesparverordnung EnEV 2007 fordert. 

Gesamte Bilanz untersucht
Im Rahmen der zweiteiligen Studie wurde die gesamte Ökobilanz von Glas- und Natursteinfassaden (Herstellung, Nutzung und Entsorgung inkl. vor- und nachgeschalteter Prozesse, wie Fertigung von Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffen) untersucht. Außerdem wurden der jeweilige Verbrauch von Primärenergie sowie die Entstehung von Umweltbelastungen unter die Lupe genommen.

Für Naturstein wurde dabei entsprechend dem Leitfaden Nachhaltiges Bauen eine durchschnittliche Lebensdauer von 80 Jahren angesetzt. Die Untersuchungen basieren auf der sog. LCA-Methode (Life Cycle Assessment), bei der die Umwelteinwirkungen von Produkten während ihres gesamten Lebensweges systematisch analysiert werden. Den ersten Teil der Studie bildet ein Vergleich zweier typischer Fassadenkonstruktionen mit Naturstein bzw. Glas über einen Zeitraum von hundert Jahren. 1 m² hinterlüftete Natursteinfassade samt Wärmedämmung und Stahlbetonwand stand bei der Untersuchung einer flächengleichen Glasfassade mit Aluminium-Unterkonstruktion gegenüber. Hierbei schnitt der Naturstein deutlich besser ab. Er verbraucht nicht nur wesentlich weniger Primärenergie, sondern überzeugt auch durch weitaus geringere Umweltbelastungen. Bei einer Glasfassade ist das Treibhauspotenzial mehr als 2,5-mal, das Versauerungspotenzial mehr als 3-mal, das Eutrophierungspotenzial (Anreicherung von Nährstoffen in einem Ökosys­tem) mehr als 4-mal und  das Sommer­smogpotenzial (verantwortlich für die Bildung bodennahen Ozons) mehr als 4-mal höher als bei einer Naturstein­fassade. Das Ozonabbaupotenzial ist bei Naturstein um gut das 1,5-Fache günstiger.

Drei Fassaden verglichen
Der zweite Teil der Studie beleuchtet drei Fassadenvarianten am
Beispiel des Frankfurter OpernTurms (ca. 30.000 m² Gesamtfassade) über eine Dauer von 50 Jahren. Konkret handelt es sich um Konstruktionen, bestehend aus
1. einer elementierten, hinterlüfteten Natursteinfassade (17 %), einer 
    hinterlüfteten Natursteinfassade nach DIN 18516-3 (33 %) sowie
    Glaselementen (50%);
2. einer hinterlüfteten Natursteinfassade nach DIN 18516-3 mit 50 %
    Fensteranteil;
3. einer adäquaten Glasfassade, bestehend aus Glaselementen (90 %) und
    hinterlüfteter Natursteinfassade nach DIN 18516-3 (10%).

Auch hierbei ergaben sich deutliche ökologische Vorteile der beiden Natursteinfronten gegenüber der Glashülle. Letztere verbraucht mehr als doppelt so viel Primärenergie wie die Varianten 1 und 2. Glas verursacht zwischen 60 % bzw. 175 % höhere Umwelteinwirkungen. Granit und Kalkstein schlagen Glasfassaden beim Treibhaus-, Versauerungs-, Eutrophierungs- sowie Sommersmogpotenzial jeweils um mehr als das 1,5-fache, beim Ozonabbaupotenzial schneidet Naturstein sogar mehr als 2,5-mal besser ab.

Weitere Vorteile
Krug betonte, dass Natursteinfassaden auch aus ökonomischer Sicht energetische Vorteile gegenüber Glaskonstruktionen besäßen. Beispielsweise sei der für den Wärmeschutz bedeutende U-Wert bei Naturstein mit 0,32 W/m²K wesentlich geringer als bei Glasfassaden (1,25 W/m²K). Die Transmissionswärmeverluste und somit der Wärmebedarf des Gebäudes fielen damit deutlich günstiger aus. Hinzu kommt der enorme Kühlbedarf für Gebäude mit Glasfassaden im Sommer. Laut einer Untersuchung des Darmstädter Instituts Wohnen und Umwelt liege der Energiebedarf eines Gebäudes mit Natursteinfassade zwischen 100 und 150 kWh pro m²/Jahr, bei Glasgebäuden hingegen zwischen 300 und 700 kWh/m²a – was dem Niveau schlechter Altbauten entspreche.

Niedrigere Herstellungskosten
Auch die Herstellungskosten einer Natursteinfassade sind offenkundig wesentlich günstiger als die einer Glasfassade. Bayerns Landesrechnungshof stellte bei 20 geprüften Fassaden fest, dass die Investitionskosten in etwa proportional mit dem Glasanteil ansteigen. Während Lochfassaden bei einem Glasanteil von 35 % mit 400 €/m² Fassadenfläche auskamen, wurden bei einem Glasanteil von 90 % Investitionskosten von 1.280 €/m² notwendig. 1% Glasanteil über das Normalmaß einer Lochfassade hinaus koste einschließlich Nebenkosten 16 €/m² Fassadenfläche, so Krug unter Verweis auf den Baukostenindex November 2006. Ebenso lägen die Instandhaltungskosten einer Natursteinfassade um die Hälfte unter einer gläsernen. Daneben verursachten Glasflächen auch noch jährliche Reinigungskosten bis 4 €/m².

Gewaltige Chance
Für DNV-GF Krug bestätigt die Studie, dass Natursteinfassaden optimal an das hiesige Klima angepasst sind – erst Recht vor dem Hintergrund, dass seit Oktober 2009 sowohl im Neubau wie in der Sanierung die neue Energieeinsparverordnung gilt. Sie verschärft die energetischen Standards von Gebäuden um durchschnittlich 30% beim zulässigen Jahresprimärenergieverbrauch für Heizung, Kühlung und Warmwasser. Auf der Verbandstagung in Leipzig war man sich einig, dass die Ergebnisse Studie einmalige Chancen bieten, Marktanteile zurückzuerobern, die man in den letzten 20 Jahren eingebüßt hat, lautete der Tenor der Mitgliederversammlung.

Mittel für Öffentlichkeitsarbeit
Um die in der Studie gewonnenen Ergebnisse schnell im gesamten deutschsprachigen Raum bekannt zu machen, ist eine umfangreiche Öffentlichkeits- und Pressekampagne geplant. Damit sollen die Ergebnisse bei Fachzeitschriften, Tageszeitungen, Endverbrauchermagazinen, Bauämtern, Innenministerien sowie wissenschaftlichen Einrichtungen bekannt gemacht werden. Außerdem erstellt der DNV eine Informationsbroschüre für Architekten und Planer. Verbandsmitglieder können diese zu Sonderkonditionen und Staffelpreisen erwerben, um ihren Partnern und Endkunden die ökologischen und ökonomischen Vorteile von Naturstein näher zu bringen.

Harald Lachmann (Erschienen am 14.7.2010)

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